über butoh
Ich habe als Europäerin einen fernöstlichen Tanz gelernt. Dieser Tanz wurde mir nicht als eine Form übergestülpt, die ich lernen sollte. Im Gegenteil: meine Lehrer ermutigten mich, meine eigene Form zu finden. Die Hilfestellungen, die mir meine japanischen Lehrer gaben, waren dabei geprägt von der japanischen Art, Dinge wahrzunehmen. Diese Wahrnehmung war mir bis dato fremd gewesen. Der japanische Butoh Tänzer Mitsutaka Ischii hat den kulturellen (Wahrnehmungs-)unterschied zwischen Japanern und Europäern einmal so ausgedrückt:
„In Europa analysiert man. Man analysiert bis man überzeugt ist. Bei uns in Japan ist alles wie in Tücher eingewickelt, wir tasten uns ganz von aussen mit den Händen heran und erfühlen, was wohl darin stecken könnte. Wir nähern uns und prüfen mit dem Herzen....Im Gesicht der Europäer lese ich wie in einem Spiegel. Er reflektiert, was vor ihm steht und auch das, was nicht davor steht."
Auch ich habe am Anfang Frage über Frage gestellt: wie geht das genau? warum so usw. Meine Lehrer haben mich meistens angelächelt und „try it" gesagt. Irgendwann habe ich langsam begriffen, dass sie genau diese Tücher meinten, in die auch dieser Tanz eingewickelt ist: ich sollte lernen, mich heranzutasten, zu fühlen, was in meinem Körper versteckt ist. Von da an fing ich an zu tanzen.
Dennoch waren es natürlich auch unterschiedliche kulturelle Erfahrungen und Prägungen, die das Verständnis mit meinen Lehrern manchmal schwierig gestalteten. Diese kulturellen Erfahrungen waren oft auch Thema der Improvisationen, was für die europäischen Teilnehmer schwierig war, weil sie diese Erfahrungen schlicht nie gemacht haben.
Für mich war es in den folgenden Jahren meiner tänzerischen und choreographischen Entwicklung wichtig, Prägungen "meiner Kultur"- unserer Alltagserfahrungen - mit den Mitteln des Butoh umzusetzen. Ich gründete das tanztheater macasju und wir experimentierten mit diesen Möglichkeiten. Seitdem sehe ich meine Arbeit so: Die Methode des Butoh ist östlich; die Inhalte sind natürlich von einer westlichen kulturellen Identität geprägt. Dies ist aber kein unüberwindbarer Widerspruch sondern im Gegenteil: daraus entsteht immer wieder ein faszinierendes Spannungsfeld, das auf der Bühne Lebendigkeit und Magie zaubern kann!