Tanz im Kopf - Improvisation und Imagination
Tagung vom 12. - 14. November 2004
Von Anja Feldmann
Vorweg
Die Tagung vom AK Tanzkunst/ Tanzpädagogik wurde auf rein elektronischem Weg organisiert. Das hat doch etwas Paradoxes oder nicht? Zeitgemäß virtuell - im Kopf eben - so lautete ja auch das Jahresthema 2003. Nein, im Ernst: tatsächlich hatte diese Organisationsstruktur natürlich pragmatische Ursachen, die sich nicht vermeiden ließen: die beiden Organisatorinnen Christiana Rosenberg Althaus und Heide Lazerus trennten 800 km. Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch mal meinen Dank an die beiden aussprechen!
Freitag 16:00 Uhr
Ankunft im Lofft in Leipzig. Ein Hauch von
Bühnenatmosphäre. Das ist gut. Wir bleiben nah dran an der Praxis denke
ich. Die Tagungsteilnehmer nehmen auf den Zuschauerrängen Platz.
Präsentiert wird auf der Bühne. Heike Hennig, freie Choreographin,
Tänzerin und Tanzdozentin machte den Anfang Sie stellt drei ihrer
spartenübergreifenden Produktionen vor. Das Lehrprojekt „Körperhöhlen",
das Hennig 2003 an der Hochschule für Grafik und Baukunst durchführte,
scheint mir für unser Thema am eindrücklichsten. Die Studierenden
werden an Methoden des BMC herangeführt: das fiel ihnen nicht leicht am
Anfang, erzählt Hennig. Sich auf die körperliche Erfahrung einlassen,
Bewegungen kreieren. Das Innen und Außen des Körpers erspüren. Die
Ergebnisse beeindrucken: sehr unterschiedliche blind gezeichnete
Skizzen des Skeletts sind entstanden. Das Visuelle sucht seine Form
durch die Empfindungen des Körpers.
Als nächstes stellt sich das Deutsche Institut für Improvisation vor,
das seinen Sitz im Berlin hat. Als Ziel des Instituts formuliert der
Leiter Dietrich Bartsch, Improvisation als eigenständige Kunstform zu
etablieren. Es wird improvisatorisches Werkzeug der Sparten Musik, Tanz
und Schauspiel gelehrt. Eine Begegnung der einzelnen Sparten im
künstlerischen Prozess herbeizuführen - das sei die Schwierigkeit,
fasst Ingo Reuleke, Tanzpädagoge am Institut zusammen. Ja, und von
dieser Herausforderung lebt Improvisation denke ich etwas erstaunt ob
dieser Zusammenfassung und spare mir wegen akuter Müdigkeit vom
Sitzfleisch den Praxisteil von Heike Hennig zum Abschluß.
Samstag 9:00 Uhr:
Butoh. Tadashi Endo tanzt eine kurze Sequenz (wie er
das macht morgens um 9 ohne warming up wird sein Geheimnis bleiben...).
Danach assoziieren die Teilnehmer in Gruppen mit Worten, was sie
gesehen haben. Jede Gruppe tanzt anschließend ihre Eindrücke. Ich bin
überrascht und berührt, wie intensiv sich alle auf dieses Experiment
einlassen. Tadashi Endo nimmt Einzelne heraus: tue gar nichts - wie ein
Stück weißes Papier. Sein Butoh Zentrum in Göttingen heißt MAMU
(Ma=Zwischen/ Mu=Leere). Am Schluss der Lecture erzählt Endo über
Butoh. Bei ihm heißt das, immer auch etwas von sich selbst
preiszugeben. Persönlich, aber nicht privat. Auch ich spüre durch Endos
Präsenz wieder die Fremdheit, die Butoh auslöst. Vielleicht ist es die
Fremdheit im eigenen Körper, die bei den Improvisationsaufgaben immer
wieder berührt wird. Der innere Löwe schreibt ein Teilnehmer.
Am
Nachmittag hören wir die Präsentation des Entwurfs von Wibke Dröges
Dissertation Kommunikation in der Tanzimprovisation. Als theoretische
Grundlage fungiert Habermas Theorie des kommunikativen Handelns. Dröge
hat Interviews mit TänzerInnen durchgeführt und deren kommunikatives
Verhalten untersucht. Dröge, selbst Contact Tänzerin, betont, dass es
in der Improvisation um Verstehen geht: inwieweit sind Tanzhandlungen
überhaupt kommunizierbar? Lautet eine Leitfrage ihrer Arbeit. Während
der Präsentation tanzen drei Studierende von Dröge vor dem Beamer. Man
wechselt die Perspektive: von den Körpern der Tanzenden zu den
wissenschaftlichen Hypothesen und Untersuchungsergebnissen auf der
Leinwand und wieder zurück.
Licht in das Unsichtbare, das nach Dröges
Ansicht den Improvisationsprozess ausmacht, bringt auch der zweite
Vortrag von Corinne Jola, Wissenschaftlerin aus Bern, die die
Wahrnehmungsprozesse in der Improvisation aus der Sicht der
Neurowissenschaft in einer interessanten und auch für Laien gut
dargestellten Präsentation beleuchtet. Tanz entsteht im Kopf? Ja und
Nein. Auf jeden Fall: Tanz ohne Kopf lässt uns kalt. Zitat aus Jola:
Tanz wird für den Zuschauer dann überwältigend, wenn die
Bewegungsantizipation im Kopf des Zuschauers versagt.
Sonntag 10:00 Uhr
Abschlußdiskussion. Die Teilnehmer sind sich einig, dass sie eine Fülle
an interessanten Anregungen aus Theorie und Praxis in das eigene
Arbeitsfeld mitnehmen. Es wird kontrovers diskutiert. Gibt es
Ergebnisse der Tagung? Natürlich nicht! Zu komplex ist dieses Thema. Zu
sehr steckt seine Entwicklung darüber hinaus noch in den Kinderschuhen.
Für mich zeigt
sich der Erfolg einer solchen Tagung ohnehin an der Qualität der
Fragen, die am Schluss gestellt werden. Eine alte Frage kommt wieder
auf, die von der Dualität zwischen Körper und Geist. Erfahren wir diese
Dualität - ob auf künstlerischer oder pädagogischer oder
wissenschaftlicher Ebene - nicht manchmal schmerzhaft in der Arbeit mit
Improvisation? Oder ist es eben diese existentielle Erfahrung, die
schon Plessner beschrieben hat, mit der wir uns immer wieder
auseinander setzen müssen: ein Getrennt-sein von den anderen, von uns?
Innen - und Außenwelt, Körperhöhlen, ver-stehen, den Kopf loslassen,
sichtbar und unsichtbar...
Mein letztes Wort, meine Anregung heißt ganz einfach: Begegnungen suchen. Eine Zusammenfassung der Abschlußdiskussion wird man übrigens im nächsten Jahrbuch lesen können.
Anja Feldmann ist stellv. Sprecherin des AK Tanzkunst der GTF http://www.gtf-tanzforschung.de