Amok - Wut im Bauch, Angst im Nacken. Tanztheater und Hip Hop
Ein Projektbericht.
Von Anja FeldmannEs ist alle gegen alle, es packt dich an den Hals
Es ist die Teufelskralle, genau wie damals
Alle gegen alle So heißt die Mausefalle
Du vertraust niemandem mehr
Setz Dich an die Wehr
Martes
Zum Inhalt
Charlie ist 15 Jahre alt und hat eine Pistole in ihrem Schulfach. Nach einem Gespräch mit ihrem Rektor erschießt sie ihn und nimmt ihre Mitschülerinnen als Geiseln. Ein gefährliches Spiel beginnt. Charlie zwingt die Mädchen, ihre Geheimnisse zu erzählen. Nach anfänglichem Widerstand „gestehen sie sich ihre geheimsten Gedanken und Gefühle. Die Fronten verschieben sich. Lange totgeschwiegene Konflikte zwischen Einzelnen brechen plötzlich auf. Am Ende steht eine andere Täterin am Pranger und wird von ihren Mitschülerinnen gelyncht.
1. Die Grundidee
Den Amoklauf als Kammerspiel zu inszenieren war die Grundidee zum Stück. Die Bühnenhandlung sollte die intime Atmosphäre eines Klassenzimmers. Der Fokus der Inszenierung lag also auf den Emotionen, die sich zwischen den Protagonistinnen immer mehr verdichten. Zur Idee inspiriert wurden wir durch den Roman Amok von Stephen King. Auf die Perspektive der Medien wurde bewusst verzichtet. Lediglich der Schulpsychologe kommt zu Wort Die Dialoge schrieben wir jedoch alle um, da zum einen die Übersetzung aus dem Amerikanischen wenig authentisch klang und zum anderen wir nur weibliche Darsteller hatten. D. h. aus dem Amokläufer wurde eine Amokläuferin. Wir konzentrierten uns auf den Moment der Konfrontation der Protagonisten im Klassenzimmer. Den Mediendiskurs und seine möglichen Auswirkungen ließen wir ganz weg. Die Tanzszenen entwickelte ich weitgehend aus dem Bewegungsrepertoire, das die Darstellerinnen mir in Improvisationen anboten. Eine Darstellerin konnte singen. In dem Stück singt sie in einem Moment der Intimität ein Lied, das im wirklichen Leben ihr Lieblingslied ist.
Die Dialoge schrieb Giampiero Piria den Darstellerinnen quasi auf den Leib: er orientierte sich an ihrer Wortwahl. In einer Szene erzählt eine Darstellerin von einem Erlebnis der sexuellen Belästigung. Tatort ist der Rathausplatz in Bochum. Aus Rahmenhandlung, Dialogen und Tanzsequenzen entwickelt sich das Stück erst während der Proben. Wir prüfen, verändern und gestalten immer neu. Wir stellen Fragen an uns, an die Darstellerinnen an das Stück. Darauf wollen wir hinaus: mit unserem Stück Fragen aufwerfen, Wahrnehmung verändern.
Dramaturgie
Amok ist mehr eine assoziative Collage als ein Stück mit einem komplexen narrativen Handlungsfaden. Dialoge und Tanzsequenzen gehen fließend ineinander über, so daß sich Handlungs- und metaphorische Ebene ständig überlagern. Die sprachliche Ebene transportiert die Handlung und die Geschichten der Protagonistinnen mit ihren Geständnissen, während Ängste, Träume, Aggressionen und unbewusste Gedanken im Tanz zum Ausdruck kommen. Die tänzerischen Parts werden sprachlich durch den Rap ergänzt. Die Texte stehen jedoch nicht in direktem Zusammenhang mit dem Stück, sondern sind assoziativ mit dem Thema verbunden. Die Schwierigkeit in der Dramaturgie bestand darin, organische, stimmige Übergänge zwischen Dialogen und Choreographien zu schaffen. Diese Übergänge waren vor allem für die Darstellerinnen schwierig.
Idee und Gesamtleitung: Anja Feldmann und Giampiero Piria
Regie: Giampiero Piria
Choreographie: Anja Feldmann
Drei Schritte zur Premiere
Sie spielen lebendig, emotional authentisch und absolut textsicher - die sieben Jugendlichen Schauspielerinnen des Stückes Amok, das im Juli 2003 im Jugendfreizeithaus U27 Premiere hatte. Es ist daher kaum zu glauben, dass die Gruppe drei Monate vorher nur ein Kurs für Schauspiel und Tanztheater an der Jungen Volkshochschule war.
Ruhrnachrichten, 9. September 2003
Als mein Kollege und ich den Pressebericht lasen waren wir uns einig, dass wir über das Ergebnis des Projektes selber überrascht waren. Am meisten überraschte uns das Maß an Eigenverantwortung und Identifikation, das die sieben Schülerinnen, alle zwischen 14 und 17 Jahren an den Tag legten. Am Tag des Previews von Amok kamen sie mit der (ohne uns demokratisch abgestimmten) Entscheidung zu uns, dass sie auf das Soufflieren verzichten wollten: „Wir wollen nicht, dass das Geflüster von außen die Atmosphäre stört", sagte eine der Darstellerin selbstbewusst. In diesem Moment wussten wir, dass wir mit Amok unser Ziel erreicht hatten: die Schülerinnen mit dem Gefühl auf die Bühne gehen zu lassen: hier bin ich und ich habe etwas zu sagen, das ihr alle hören sollt!
Der Weg dahin war natürlich für die Mädchen und auch für uns nicht immer einfach und mit einem gehörigen Probenaufwandaufwand verbunden. Bevor ich näher auf die Inhalte der Proben und die Methodik eingehe, möchte ich kurz erzählen, wie das Projekt sich von der ersten Kursstunde bis zur Premiere hin entwickelte.
Der erste Schritt
Tanztheaterkurs der Jungen VHS
Nachdem wir den Kurs auch in der Tagespresse angekündigt hatten, fand sich die Gruppe von sieben Schülerinnen schnell zusammen. Der Kurs war nicht nur für Mädchen ausgeschrieben. Aber die rare Jungenschaft verschwand spätestens ab der dritten Woche wieder. Der Tatsache, warum es schwierig ist, Jungen für Tanztheater zu gewinnen, könnte sicherlich ein eigener Artikel gewidmet werden (zumindest muss man in Gegenwart von Jungen vorsichtig mit dem Wort Tanz umgehen, wenn damit nicht Hip Hop oder Breakdance gemeint ist. Kleiner Tipp: dem Kind einen anderen Namen geben). Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Mädchen in Tanz und Bewegungsimprovisationen sehr viel offener mit ihrer Körperlichkeit und ihrem tänzerischen Ausdruck umgehen.
Aber zurück zu Amok: in den ersten Wochen des Kurses vermittelten wir in wöchentlichen eineinhalb Stunden Grundlagen des Schauspiels und der Tanzimprovisation. Wir leiteten Improvisationen zum Thema Gewalt und Bedrohung an. Die Mädchen lasen den Roman Amok von Richard Bachmann, besser bekannt als Stephen King. Wir sprachen über das Thema mit den Jugendlichen. Im Mai rüsteten wir auf: die Probenzeit wurde auf drei Stunden verlängert. Am Ende des Kurses, Anfang Juni, standen die Rollen und einzelne Szenen für das Stück fest.
Der zweite Schritt
Projektgelder und Intensivproben Anfang Juni kam die Zusage vom Kulturministerium NRW, der LAG NRW. Unser Antrag war angenommen worden. Ein Sponsoring bekamen wir von der Sparkasse Bochum. Jetzt ging es richtig los. Der Probenplan, der einige Wochenenden umfasste, wurde von den Jugendlichen nach kurzem Schlucken angenommen.
Der dritte Schritt
Auftrittsorte für Preview und Premiere Am 27. Juli zeigten wir ein Preview von Amok auf dem internen Fußballplatz im Jugendfreizeithaus in Gerthe. An die 100 Zuschauer kamen. Dramaturgie und Choreographie des Stückes war bis dahin ausgearbeitet. Das Ensemble war zusammengewachsen. Auch die Arbeit mit den Musikern, die erst bei den späteren Proben dabei waren, funktionierte gut.
Die Premiere fand am 21. September in der Bochumer Diskothek Riff statt, wo das Stück auf der Tanzfläche gespielt wurde. Viele jugendliche Zuschauer kamen und sahen den gewohnten Ort als schulische Szenerie, wo sich ein Blutbad ereignet. Es gab rege Diskussionen und viel Nachdenklichkeit. Ist es nicht oft die Gewohnheit, die nicht zulässt, zu denken und zu fühlen, was in unserer Gesellschaft nicht sein darf? Und wenn wir doch dahin schauen? Sehen wir, dass es Gründe für Gewalt gibt, die uns zwingen, etwas zu verändern. Das Thema: Der Gewalt begegnen
Ich bin Gewalt, Sohn des Asphalt
meine Blütezeit ist kalt bin modern und doch schon alt.
Martes
Für uns stellte das Thema Amok eine große Herausforderung dar. Wie gehen wir damit um? fragten wir uns. Fragen aufwerfen wollten wir, eine Gegendarstellung zu den Medien schaffen, die das Thema reduziert und wiederum die Medien zum Täter erklärt. Wir wollten zeigen, dass Gewalt aus einem Geflecht von Ursachen und Wirkungen entstehen kann und vor allem wollten wir zeigen: jeder kann zum Täter werden. Uns ging es darum, den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, im Schutzraum von Theaterproben der Gewalt zu begegnen, sie zu spüren. das hieß auch, die eigene Aggression zu spüren. Wie fühlt sich das an, eine Waffe in der Hand zu haben? Das hieß auch, das Empfinden von Aggression von Schuldgefühlen abzukoppeln und zuzulassen, dass Aggression auch Kraft ist, Stärke. Ich experimentierte in Tanzimprovisationen viel mit diesen unterschiedlichen Facetten von Aggression und Gewalt. Mich interessierte die spezifische Körperlichkeit, die Dynamik, die dabei in einer Gruppe, beim einzelnen entsteht.
Wir inszenierten Schlägereien und vermittelten Schauspieltechniken dazu. Die Mädchen ließen sich immer mehr auf das Thema ein. „Das macht ja richtig Spaß, rief ein Mädchen während der Übungen zum inszenierten Schlagen. Manchmal flossen auch Tränen. Auch für uns als künstlerische und pädagogische Leiter war diese Auseinandersetzung stets eine Gratwanderung.
Choreographie und Musik
Die Choreographie entwickelte ich aus elementaren Zuständen und Formationen, die für mich kennzeichnend für das Thema sind. Ein elementarer Zustand war z.B. das Gefühl von Bedrohung, das den Körper „beschleicht". Wie begegnen sich zwei, wenn sie sich bedroht fühlen. Zu welchen Bewegungen führt das? Wir machten Kinderspiele, z. B. fangen spielen. Wir improvisierten Raubtiere und Angriffslust von Raubkatzen. In einer Szene geht es um Verrat. Der Albtraum des Verrats wird später durch eine Choreographie dargestellt, wo sich die Verräterinnen wie Raubkatzen auf ihr Opfer stürzen. Das Opfer wird eingekreist wie in einem Ritual. Es gibt am Schluss einen Ritualtanz. Oder die Gegenüberstellung von Gruppen: zwei Fronten stehen sich gegenüber. Der Täter ist Schiedsrichter und bestimmt, wann der Kampf beginnt. Schließlich lösen sich auch Fronten auf. Alle gegen alle heißt eine Choreographie. Es gibt keine Regeln mehr, keinen Schutz im Raum. Aus dem Bewegungsmaterial entwickle ich die einzelnen Choreographien. Jetzt wird auch die Musik wichtig. Ich suche mit den Musikern aus deren Repertoire Hip Hop Beats aus, die zur Grunddynamik der Choreographie passen. Die Raps werden später live eingesungen. Als tänzerische Form führe ich die Figur des Kriegers ein, die ich von meinem japanischen Lehrer gelernt habe. Die Figur des Schattens Als abstrakte Tanzfigur entwickeln wir den Schatten, der von einer Darstellerin gespielt wird. Es ist die schwierigste Figur im ganzen Stück, obwohl er kein Wort sagt! Der Schatten verfolgt mit dem Körper das Geschehen wie ein stiller Beobachter, ein alter Geist, der alles sieht und durch alles hindurch scheint.
Pädagogischer Ansatz und Methodik
Ich selbst arbeite schon seit einigen Jahren als Regisseurin/ Choreographin und Tanzpädagogin. Der Kern meiner Arbeit mit Laien ist, deren individuelle Stärken im Tanz und in der Bewegung so herauszubringen, dass etwas Einzigartiges entsteht. Eine einzigartige Geste z. B., sie kann sehr berührend sein. Mein Kollege ist Schauspieler und brachte sein eigenes know-how, seine Leidenschaft für das Schauspiel mit in die Arbeit ein. Als Team legten wir viel Wert darauf, gerade das Eigene der Mädchen zu fördern. Das hieß auch Selbstvertrauen und Eigenständigkeit zu fördern. Gemeinsam entwickeln, gemeinsam Fragen stellen, war das Credo unserer pädagogischen Arbeit. Wir wissen nicht, wie das Stück werden wird, wir kennen es noch nicht, sagten wir am Anfang der Proben (und ernteten erstaunt Blicke). Wir wollen es zusammen mit euch herausfinden. Wir schufen also eine lockere Arbeitsatmosphäre, wo jeder seine Ideen einbringen konnte. Gleichzeitig waren die Stunden methodisch durchstrukturiert. Diese Mischung aus Lockerheit und Stringenz hat sich für uns sehr bewährt.
Eine Probenstunde gestaltete sich in etwa so:
1. Begrüßung im Kreis
2. warming up im Kreis
3. choreographische Übungen und/ oder Schauspielübungen
4. Improvisation bzw. Szenische Probe
5. Reflexion im Kreis
5. Tänzerische Übungs- und Improvisationsbeispiele
Elementare Übungen zum Thema
frei im Raum: - Kämpfen mit verschiedenen Körperteilen: mit einer Schulter/ mit dem Rücken/ mit den Augen frei tanzen zu Musik. Der Boden, auf dem Ihr tanzt wird zum Feind Im Kreis: Eine geht in den Kreis, ist Opfer, wird von den anderen mit Bewegungen und Lauten befeuert/ mit Wechseln, so dass jeder mal Täter, mal Opfer ist
Improvisation
Anweisung 1:
Ihr habt ein Geheimnis. Ihr wollte es nicht verraten. Wie bewegt Ihr euch? findet einen Gang (Impro ca. 6 Min mit Musik). Jeder macht seinen Gang vor. Gang gestalten oder einen charakteristischen Gang auswählen, den alle wiederholen
2: begegnet euch: versucht das Geheimnis eures Gegenübers ohne Sprache, durch Fragen in Bewegungen herauszufinden (Impro 10 Min.) jeder findet zwei Bewegungen für sein Geheimnis. Bewegungen variieren/ Tempo verändern.